31.03.20 Sitze mit T. und einer Kollegin an einem runden hohen Tisch. Sie redet so schnell, dass ich ihr nicht folgen kann. Irgendwann sage ich, ich verstehe kein Wort. Das bringt sie zwar nicht zum Schweigen, aber ich habe endlich meine Ruhe, denn niemand erwartet, dass ich weiter zuhöre. Ich muss mich nicht weiter bemühen. Toll! T. weckt mich, halb noch im Traum, viel Licht … Der Kaffee ist schon aufgesetzt. Warum weckst du mich? Es ist schon halb acht! Na und? Wir trinken Kaffee und lachen, auch über meinen Traum. Ich muss mich vorbereiten. Wiedersehen in Positano. Ich setze mich ins Wohnzimmer und lese mir laut vor.
L. und N. kommen vom Einkaufen. Sie machen Frühstück und erzählen von der alten Frau, für die sie eingekauft haben. Rührend sei sie gewesen, als sie auf die Strasse kam, ihnen die leeren Tütchen der Teebeutel zu bringen, damit sie den Richtigen kaufen. Wir reden über die Eigenarten älterer Menschen. Wenn ich meine Mutter früher darauf ansprach, dass sie vielleicht nicht mehr so gut höre und sie mir entgegnete, ich höre wunderbar, vielleicht wirst ja du schwerhörig! N. erzählt von seiner Grossmutter. Wir lachen viel, wie beschwipst. T. räumt die Geschirrspülmaschine aus. Die Geschirrgeräusche, vor allem die der Gabeln, sind he

Rührei mit Speck und Lauchzwiebeln, gelb, rot, grün. T. schneidet Brot, ich schreibe.
Niemand schneidet so schöne, gleichmässige Brotscheiben wie T.
Schneidgeräusche, Schreibgeräusche.

Es ist spät, zu lange telefoniert, ich steh an der Haltestelle und weiss gar nicht, ob die Bahn überhaupt fährt. Auf der Anzeige der Hinweis, sich online zu informieren.
Ich habe es gemacht wie immer, aber das ist lange her.

Der Pfauen ist ausgestorben. Die Sonne scheint, der Platz ist grau. Keine Fussgänger, die vom Gehsteig über die Schienen der kleinen Haltestelle eilen und dann abrupt vor der Tram stehen bleiben. Es fehlt das Klingeln der Tram. In neun Minuten soll die 5 kommen. Glück gehabt. Ich sehe auf dem Bildschirm über dem Eingang des Theaters das Gesicht eines Schauspielers. Was er jetzt wohl macht? Er schaut auf den Platz hinau

In der Tram sind nur wenige Plätze besetzt. Lustigerweise sitzen wir, schon mit Abstand, aber alle im vorderen Teil des Wagens. Später steigt ein Mann ein, vielleicht Ende zwanzig, auffällig, hält sich mit seinen Armen in einem dünnen, schwarzen Mantel umschlungen und guckt unter einem weissen Kopftuch, darüber noch der schwarze Hut, hervor, nach links und rechts, während er den Mittelgang entlang geht. Geh bitte weiter, denke ich, er setzt sich mir gegenüber auf die andere Seite des Gangs. Ich wechsle den Platz, er reagiert nicht, zum Glück. Ich sehe auf mein Telefon, ein paar neue Likes, like mich aus Versehen noch selbst.

Im Studio passt der Stecker der Kopfhörer nicht. L. hatte sie mir extra mitgegeben. Ich richte das Mikrofon selber ein, die Aufnahmeleiterin sitzt hinter der Trennscheibe. Die Kabine wirkt steril. Ich schlage das neue Buch auf, das ich heute einlesen soll. Oh nein, es ist das Falsche … das Andere, Allein oder mit anderen, liegt zu Hause … ich hatte es noch gar nicht zu Ende gelesen … Die Aufnahmeleiterin hat Verständnis. Ich fange heute das Neue an und beende morgen das Alte. Abwechslung.

Die Pause bestimmen wir selbst. Bewegen uns vereinzelt in dem Gebäude und auch draussen. Eine Kollegin betritt vor mir das Büro und weil ich etwas nachschauen will, husche ich an ihr vorbei. Der Leiter weist uns zurecht: Hier sind zu viele Leute im Raum! Das stimmt, ich war nicht aufmerksam. Diejenigen, die jeden Tag hier arbeiten, haben Übung. Nur während des Lesens vergesse ich mich. Wiedersehen in Positano … Fünfziger Jahre … Am Abend, beim Verlassen des Gebäudes denke ich, hoffentlich habe ich mir nichts geholt. A.S. (Der gebremste, der bewegte Frühling, ein Tagebuch, www.stadternte.ch)

 

 

30.03.20 Die Nachrichten – ein paar Sätze und ich bin kaputt. Die Stimme ist nicht umzustimmen, stoisch. Warum bin ich nicht in der Lage, meinen Arm auszustrecken und den Radiowecker abzustellen? Ich bleibe einfach liegen und lasse es über mich ergehen, wir sind schon beim Wetter, aber was spielt das jetzt für eine Rolle. Spitalbetten … alte Kaserne? Sie geben zu …? Die Busse …? Ich fühle mich schutzlos. Bin ich naiv? Wahrscheinlich – vor drei Wochen habe ich den Satz gelesen: danach wird nichts mehr so sein, wie es war und erst jetzt kommt er bei mir an – du schläfst. Winter, wieder Winter, das Licht fehlt, es ist früh, sehr früh. Die Nacht über habe ich kaum geschlafen. Gedanken, Gedanken, Gedanken. Es ist jetzt noch finsterer als in der Nacht. Ich wollte unbedingt schlafen und kam nicht zur Ruhe, aber ich konnte draussen die Bäume sehen. Jetzt bin ich ausgeliefert. Fakten. Ich habe diese Tage viel über die Spanische Grippe gelesen, und dachte immer noch, das war einmal … wir sind alle so verletzlich. Das spüre ich schon seit Wochen … immer wird mir immer alles noch klarer … das hört gar nicht mehr auf. In der Nacht schoss mir durch den Kopf: T. kann nicht nach Deutschland! Ich will nicht aus meinem Bett. Und das heute. Das Fernsehen kommt. Aufräumen, hier sieht es ja aus … ist doch egal. Sei nicht immer so verspannt, sagt T. immer. Du kannst nur so entspannt sein, weil ich so verspannt bin, erwidere ich dann. Also, dreieinhalb Stunden bleiben mir … T. wacht auf, ich wecke A. Ich würde ihm jetzt gerne von dem erzählen, was ich eben gehört habe, aber wir sind so vorsichtig miteinander geworden, alle vier. Wir verbringen jetzt mehr Zeit zusammen. A. will zurzeit gar nicht darüber reden. Wenn beim Essen das Thema aufkommt, seufzt sie. Es ist wie bei Liebeskummer. Wir sind alle wund und A. will nicht darüber reden. Ich könnte ständig darüber reden, T. sagt, aber doch nicht ständig! L. gibt sich gelassen, lässt sich nicht soviel anmerken.

Vor unserer Bücherwand, das ist gut, hier sitze ich gerne. Ich möchte keine Maske tragen, der Journalist verzichtet auch darauf, weil seine Brille sonst anläuft. Wir halten Abstand. Die Kamera steht. Für mich ist es nicht ungewöhnlich, dass der Kameramann sich nicht bewegt, für ihn schon. Das Mikrofon befestige ich selber an meinem Pullover. Es dauert, bis ich endlich zugeben kann, dass es schmerzhaft war, fünf Jahre an dem Buch zu arbeiten und dann – alles abgesagt … keine Lesungen, keine Gespräche, keine Festivals … er sieht mich an, meint, es sei ok, wenn ich mir als Schriftstellerin Gedanken über die Welt mache, es sei aber auch ok, wenn ich um die fehlende Würdigung meines Buches trauere. Ich solle es nicht relativieren. Das wird nicht aufgenommen.

Sie filmen mein Buch, sie filmen mich beim Schreiben.                                                                                                                       Ich desinfiziere das Mikrofon und gebe es ihnen zurück.                                                                   Sie gehen wieder.                                                                                                                                          Das war gut.

A.S. (Tagebuch, Der bewegte Frühling, www.stadternte.ch)

 

 

29.03.20 Heute gehen wir den Weg zu zweit. Der Sommer hat uns letzte Nacht eine Stunde geraubt. Vor einer Woche war so etwas wie Aufbruchstimmung in den sozialen Netzwerken, – du hältst dich von ihnen fern – Aufbruch in die Quarantäne, könnte man sagen, heute ist die Stimmung ernster, auch auf der Strasse. Ein trüber Himmel, erste Regentropfen am Boden, du beruhigst mich, wird gleich vorbei sein, wir laufen los, der vertraute Geruch steigt mir in die Nase, Regen und Staub, Regen und Laub … nein, wir gehen nicht nur raus, um gleich wieder reinzugehen, diese feine Mischung – Gras, Blätter, Erde – sie lockt mich, wir schauen uns an. So flüchtig die Gerüche sind, auf sie ist Verlass. Sie kommen zurück. Mein Schulweg kommt mir wieder in den Sinn, der rote Schultornister, vollgeklebt mit Haribo – Bildchen, die Gewissheit, dass am Ende des Weges jemand auf mich wartete, deswegen hatte ich Zeit … ging ich in die andere Richtung, musste ich mich immer beeilen …

Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen und kommen jetzt auf neue Weise aus uns selbst heraus. Zuweilen strecken wir wie die Schnecken unsere Fühler nach draussen, die Schnecken haben ihr Haus dabei, wir müssen in das unsere zurück. Eine Wendung. Wir müssen nicht raus, damit man uns sieht. Wir holen sie alle zu uns herein. «Chömed ine, s’gaht ine, is Spielhus», Heidi Abel, jessas! Die anderen interessieren sich plötzlich für das was sie sehen, wenn wir bei uns sind. Bei uns. Wir sind jetzt ganz bei uns angekommen.

Den Vergleich mit den anderen dürfen wir scheuen.

Wieder ein Paar mit einem Feldstecher … hallo, hallo, bitte sag was … was soll ich denn sagen … ich weiss nicht, sing was oder sag was … ich kann nicht singen … macht nichts, sprich einfach mit mir … hier müsste man sich eigentlich im Sommer reinlegen können, sagst du … wir schauen auf das steinige Becken unter uns, auf das Wasser, das über die moosigen Steine eilt … stimmt … eine Frau kommt uns entgegen, sie strahlt Zuversicht aus, fast immer haben ältere Frauen diese Wirkung auf mich, warum zähle ich mich nie zu ihnen … ein Specht trommelt, ein Paar hat ihn entdeckt, sie deuten in die Bäume, ich sehe ihn nicht, höre ihn aber, er trommelt und schweigt, dir wird kalt, wir laufen weiter … du kratzt an meiner Rinde, entfernst sie, noch immer, immer wieder, warum schliesst sie sich nur immer wieder … weil ich ich bin und du du … ein Pferd trottet vorbei, ich staune über seinen breiten Hintern, du gibst mir einen Tritt in den Arsch, wir lachen … A.S. (Tagebucheintrag, Der bewegte Frühling)

 

28.03.20 Beim Schreiben halte ich etwas fest. Einen Tag zum Beispiel. Schreibe ich, um ihn aufzuhalten?

Wie wenig Zeit vergangen ist – vor kurzem sass ich noch mit Jonathan Safran Foer auf einer Bühne und hörte ihm zu, wie er sich und uns eindringlich dazu aufforderte, von unseren Gewohnheiten abzulassen. In einer Passage, die ich für ihn auf deutsch las, stand, dass der Mensch sich nirgends so zeigt, wie in dem, was er loslässt. Er forderte uns auf, uns zu verändern. Einige Tage später war er Gast in der Sendung Sternstunde Philosophie. Er und die Moderatorin sassen in normalem Abstand zueinander und sprachen über unseren Planeten, der in Gefahr ist. Jetzt, auf einmal sind wir gezwungen, uns zu beschränken.

Wo ist M.? Sie feiert die Freundschaften und hat uns bei so vielen Gelegenheiten zahlreich um sich versammelt. Sie ist eine wunderbare Gastgeberin. Wir haben stundenlang miteinander um ihren Tisch gesessen, gespielt, gegessen, getrunken, getanzt, diskutiert … sie pflegt ihre Freundschaften, das tut sie. Es ist schön, M. zu umarmen. Sie ist schön. Mir fehlt ihre Umarmung sehr. Es ist nicht möglich, M. zu sehen und sie nicht zu umarmen. Ich möchte M. festhalten.

Ich möchte diesen Tag fest halten. Muss erst begreifen, wie so ein Tag geht.

Ich halte mich an das Nächstliegende. Abwaschen, Nasenspülung, dein Menü, die Nachrichten.

Nur im Laufen kann ich mich gehen lassen.

Heute ist ein Sams -tag.

Das Sams hat blaue Punkte im Gesicht. Jeder Punkt erfüllt einen Wunsch von Herrn Taschenbier. Für schwierige Wünsche braucht es mehr Punkte. Die Wünsche müssen sehr genau formuliert sein. Die erfüllten Wünsche bringen Herrn Taschenbiers eintöniges und geordnetes Leben durcheinander, es wird auf einmal chaotisch. Und dann verliebt er sich auch noch in Frau März.

Tschernobyl: Dort leben Menschen, die durch Krieg oder den Reaktorunfall auf einen Schlag alles verloren haben. Eine Familie, die vor dem Krieg in der Ostukraine geflohen ist, musste alles aufgeben und war ein Jahr lang unterwegs. Sie konnten nirgends bleiben, weil sie kein Geld hatten. Heute leben sie bei Tschernobyl und bauen sich eine neue Existenz auf. Beim Lesen geht mir auf, dass das Fenster zur Welt fehlt. Die Distanz ist eine andere.

Heute ist mir nicht nach aufschauen … ich möchte lieber in Gedanken sein, mich in mir versenken … schön ist es, jeder findet jetzt in seinen eigenen Rhythmus … ein Hund huscht ganz knapp vor mir vorbei, … mein Vater hat geschrieben, bei ihm oben sei es jetzt noch stiller als sonst … bin jetzt auch auf Twitter und Instagram … um auf allen Kanälen offen zu sein … eine Frau mit weissen Haaren spaziert vor mir auf dem Waldweg … noch mehr Familien mit Kindern unterwegs … es wird wärmer … der Geruch nach Rauch und gebratenen Würsten …  sind Verhältnisse Behältnisse, die manchmal kippen und auslaufen … er schaut hindurch und reicht ihn ihr, sie schaut hindurch und reicht ihn wieder ihm, ein altes Ehepaar mit einem Feldstecher und sie strahlen beide über das ganze Gesicht … machen sie das immer … der Weg ist schmal, jemand keucht hinter mir, überholt mich, tätowierte Waden rennen weg … ich habe geträumt, unsere Kinder sind wieder klein und so von uns abhängig …

A.S. (Tagebuch, Der gebremste, der bewegte Frühling)

 

27.03.20

T. hat geträumt, er steht in dem alten Theater und soll den König nach vielen Jahren nochmal spielen, er weiss den Text nicht mehr und weigert sich aufzutreten.

Ich habe geträumt, ich stehe im Schauspielhaus und soll mit lauter Männern auf die Bühne, um eine Rolle zu spielen, die wie auf mich zugeschnitten ist, aber ich habe den Text nicht gelernt, dabei hätte ich doch Zeit gehabt. Dass es die Rolle der Ehe – und Hausfrau war, spielte in dem Traum für mich keine Rolle.

Im Morgenlicht finde ich mein Gleichgewicht durch ihr Gedicht. 

Aus einem unbestimmten Impuls heraus greife ich nach ihrem Buch. Heute morgen lese ich aufmerksamer darin. Die Zeit hat es offenbar gebraucht. Im Nachwort steht, die Dichterin trotze dem Alltag ihre Sprachmagie ab. Sie habe ihren eigenen Ton gefunden. Dabei ist sie durch Höhen und Tiefen gegangen, das steht nicht drin, aber ich weiss es. Ich lese und bin gefangen. Sie malt beim Schreiben und schreibt beim Malen. Schreibbilder! Eines bleibt hängen – die Vorstellung ihren Sohn zu sehen und Fisch zu bestellen

Ein Glücksgriff. In den Alltag. Greifen nach dem, was uns zufällt. Jetzt steht das Buch, nach unten aufgeschlagen, wie ein Dach auf dem Tisch: wachsmalstiftrosa mit senfiggrünem Balken. Daneben ein Sack voll Topinambur von F. aus seinem Garten. Auch Poesie im All–

tag

Heute ist frei – Tag. Weil die Uferpromenade abgesperrt ist, wähle ich einen Weg, den ich schon lange nicht mehr gelaufen bin … früher führte er zum Haus meiner Mutter, zum Haus von H. und zum Haus von S. … alle drei leben sie nicht mehr … der Mann vom Haus schräg gegenüber steht auf der Strasse, ich weiss nie, ob er mich erkennt oder nicht … es ist einige Jahre her, da hat er Steine zusammengetragen, die er an der Ecke des kleinen Parks in unserem Quartier auslegte, eine Komposition in weiss, täglich gab er auf sie acht, pflegte sie und wenn ein neuer dazukam, schob er sein Arrangement etwas auseinander, er sprach mit ihnen, wässerte sie und einmal ertappte er einen Jungen, der sein Eispapier zwischen die Steine fallen liess, wie von der Tarantel gestochen eilte er auf ihn zu und beschimpfte ihn … eine Krähe sitzt auf dem Brückengeländer und macht Anstalten vor mir aufzufliegen, dreht sich dann aber um und hüpft statt dessen auf dem Geländer von mir weg … die Mutter des Jungen griff ein, Sie aber Monsieur, c’est le ton qui fait la musique gällezi, er wich erschrocken zurück, was? c’est le ton qui fait la musique, wiederholte sie, seine Züge wurden weich, er lächelte … die Steine sind längst weg und ihn sehe ich selten, in letzter Zeit wieder öfter, er redet ununterbrochen mit sich selber mit wem immer erregt … ein Hund zieht eine lange gelbe Leine hinter sich her, ich muss einen grossen Schritt machen, Frauchen hat ihn losgelassen, Grüezi … eine Mutter schubst den Kinderwagen rennt lachend hinter ihm her … dort oben steht das Haus, in dem H. wohnte … sind die Zeiten vorbei, wenn sie vorbei sind … ich kehre um, ein schöner Lauf durch den Wald … auf einer Bank sitzt ein Mann und liest in seiner Zeitung, sein Fahrrad steht daneben und wartet wie ein Hund … die Krähe – ich bin sicher, sie hat sich etwas dabei gedacht – früher hatte mein Tagebuch ein Schloss und ich einen kleinen goldenen Schlüssel dazu … A.S. (Tagebuch, Der bewegte Frühling)

 

26.03.20

was fehlt                                                                                                                                                      zählt

nicht vortäuschen                                                                                                                                    gerade jetzt –                                                                                                                                              nicht

Machen wir uns nichts vor. Solange wir nicht so tun, als seien wir nicht isoliert, können wir unsere privaten Räume auch öffentlich zeigen. Solange wir zu erkennen geben, was wir vermissen. Solange wir die Verbindung nach innen aufrechterhalten, können wir nach aussen senden. So findet unsere Stimme vielleicht einen Ausweg.

Eine Lesung am Bildschirm geht ins Leere. Ohne Publikum.                                                         Im Moment spreche ich jeden Tag mit der Leere. Jeder tut das, der Worte zu Papier bringt.Doch ich spüre nur noch Leere. Es fällt mir schwer ihr standzuhalten. Mich zu widersetzen, indem ich schreibe. Wovon soll ich heute erzählen? Ich möchte jeden Tag etwas schreiben. Nein, heute gehe ich nicht wieder nach Zollikon, nicht nochmal denselben Weg durchs Seefeld, wie gestern, vorgestern und vorvorgestern, heute will ich auch mein Studio nicht sehen, ich bin nicht sicher, ob die Stille mir im Moment guttut. Darum mache ich mich auf in die entgegengesetzte Richtung und werde später auf einem noch anderen Weg nach Hause gehen. Kleine Abwechslungen.Die Stimme meiner Tochter in ihrem Zimmer. Das ist besser als Stille. Das Internet funktioniert einwandfrei, ich muss mich nicht, wie in Zollikon, mit dem Hotspot abmühen, das Handy nicht am anderen Ende des Raums aufladen, weil die Steckdose nicht mehr als einen Stecker fasst. In meinem Studio schaue ich hin und wieder nach den Mails oder auf die digitalen Portale. Damit ich mit der Aussenwelt verbunden bleibe. Zu Hause vermeide ich das, um bei mir zu bleiben.

Die Gesichtsmasken nützen nichts, weil es zu wenige davon gibt.

A. sagt, sie habe jetzt Schule und verschwindet in ihrem Zimmer.                                                  L. sitzt in der Küche. Du, sage ich, A. hat jetzt Schule.                                                                     Ich weiss, meint sie, ich habe auch gleich eine Vorlesung.

Sie sind mit dem Internet aufgewachsen, der Wechsel macht ihnen keine Mühe. Sie kochen viel und haben soziale Kontakte mit den älteren Menschen, für die sie jetzt einkaufen gehen und mit den drei Freunden, die sie noch sehen.

Auf dem Weg in die Sadt überfällt mich eine schreckliche Vorstellung.Aus der Riesenprävention wird plötzlich ein riesiges Präservativ, in dem wir alle stecken. Etwas Unsichtbares ist so mächtig, dass es uns gefangen hält. Sind wir in alle Richtungen lenkbar?

Waschen wir unsere Hände in Unschuld?

St. Moritz am Bellevue … eine Frau in weisser, ärmelloser Daunenjacke und schwarzer Leggings … unbeschwert wippt ihr Haarknoten, der von einem Pelzanhängsel zusammengehalten wird … hinter einer divenhaften Sonnenbrille versteckt, trägt sie ihren Kaffeebecher wie eine Trophäe vor sich her … Apres-Ski … hat sie sich verirrt, in diese lahmgelegte Stadt … ein paar Meter weiter fällt einer anderen Frau eine volle Einkaufstüte vor die Füsse. Tomaten rollen davon … an der Rämistrasse liefern sich zwei Männer mit ihren Autos eine Verfolgungsjagd – nicht der Rede wert …

Von der Wiederholung zum Wein. en

Die Filme erzählen von einer vergangenen Zeit und spielen in einer anderen Welt.

Auf der anderen Seite der Limmat angekommen, sehe ich, wie das Licht des Nachmittags langsam abnimmt … ich freue mich darüber …

Nutzt die Plätze! Nutzt die Gassen!                                                                                                     Putzt den PC! Nutzt die Kassen!

Das Wunschtor am Fraumünster. Was habe ich mir damals gewünscht – du schwarz ich weiss – dass wir zusammenbleiben?

Zwei Schwäne, dicht an dicht, tauchen abwechselnd ihren Hals in die Limmat.

Bitte like mich!

An den Schaufenstern kleben, weil kein Hineinkommen ist.

Stadt Wandler überall.

Ein Mann mit Turban ohne Beine schiebt sich mühsam im Rollstuhl das Limmatquai entlang. Die 15 hinter ihm verlangsamt ihre Fahrt.

A.S. (Tagebucheintrag, Der bewegte Frühling)

 

25.03.20 Heute morgen sind die Ampeln im Quartier ausser Betrieb … sonst eine Störung, jetzt passt es … seit Tagen wirken sie bedrückt, wenn ich an ihrem Schaufenster vorbeigehe … die Verkäuferinnen … sie stehen jeweils eng beieinander, in ihrem kleinen Laden hinter dem Tresen hinter der Plexiglaswand … heute ist nur eine von ihnen da, die Jüngste … beim Zahlen frage ich sie, ob sie lieber zu Hause wäre … ich weiss auch nicht, sagt sie, manche schliessen, andere nehmen es scheinbar lockerer, klare Regeln für alle fände ich besser … sie fühlt sich nicht mehr sicher, das kann ich an ihrem Gesicht ablesen, weil sie so jung ist, spiegelt sich die reine Sorge darin … anders, als bei ihren älteren Kolleginnen, ihnen ist der Ernst der Lage an ihrer Körperhaltung anzusehen … sie sprechen weiterhin nett, sind hilfsbereit, brauchen aber länger, bis sie ihren Platz hinter der Plexiglasscheibe aufgeben, ihre Bewegungen wirken gebremst … ihre Verbindlichkeit ist nicht mehr so spürbar wie sonst …letzte Woche noch huschte ein junger Verkäufer die Rolltreppe hoch, vorbei an einem älteren Mann, der erschrocken zur Seite wich … der Verkäufer grinste befremdet zurück … das war vielleicht einen Tag, bevor die Anzahl der Einkäufer in den Filialen begrenzt wurde und noch kein Desinfektionsmittel an den Eingängen stand, Ein – und Ausgang in der Migros noch nicht getrennt waren … je kleiner das Geschäft, desto deutlicher schlägt mir die verunsicherte Stimmung entgegen, in den grossen Filialen ist sie weniger zu fassen, jeder geht eifrig seinen Besorgungen nach …

T.ruft an. B. und M. laden uns ein, in ihrem Garten Wein zu trinken, auf Abstand, versteht sich. Wann immer wir Lust dazu haben. Diese Aussicht tut gut, warm muss es nur werden

Gestern klingelte mein Telefon. Eine fremde Nummer, das Arbeitsamt, dachte ich und liess es weiterklingeln. Eine männliche Stimme. Nicht der Berater, ein Journalist. Er will einen Artikel über meinen Roman schreiben. Ich stand auf und schaute zum Fenster hinaus ins Grüne. Die Äste und Zweige der Bäume verzweigten sich schwarz und blank vor meinem Fenster, setzten sich von dem hellblauen Himmel ab.

Ende der Woche entscheiden wir uns, was wir tun. Uns treffen, telefonieren oder uns schreiben wolle

Gestern abend sahen wir Call me by your name nur bis zur Hälfte. Ich werde ihn zu Ende anschauen, vielleicht mit A. T. gingen die beiden Männer auf die Nerven, aber genau das hat mich gereizt, dass man sich nicht einfach mit ihnen identifizieren kann. Die Stimmung in der Villa in Norditalien hat mir gefallen. Alle sind schön und kultiviert und trotzdem sind die Bilder beunruhigend. Das passt zu dem Buch, das ich gerade lese. Eine Geschichte auf Positano in den fünfziger Jahren. Eine malerische Kulisse der Insel, wo alle alles über jeden wissen. Eine Schauspielerin hat es geschrieben, die schon lange tot ist.

Jetzt also doch der Anruf vom Arbeitsamt. Eine Frau. Zackig freundliEs sei richtig von mir gewesen, mich bei der AHV zu melden. Ich habe mir heute morgen die Unterlagen angesehen, die mir das Arbeitsamt geschickt hat: Lebenslauf – Nachweis der persönlichen Arbeitsbemühungen – Diplome – Bescheinigungen – war mir auf einmal nicht mehr sicher, was ich eigentlich will, habe den zweiten Kaffee aufgesetzt. T. ist zuversichtlich und steckt schon früh morgens die Nase in seinen Ulysses. Auf der Webseite der AHV das  richtige Formular gefunden: Annullierte Veranstaltungen. Die 13-stellige AHV-Nummer ist ohne Punkt und Leerzeichen anzugeben. Das Formular abgeschickt und mich erleichtert gefühlt. Immerhin habe ich heute soviel verstanden: Die AHV ist jetzt für die selbständigen Künstler zuständig, das Arbeitsamt für diejenigen im Angestelltenverhältnis.

Auf einmal mache ich mir Gedanken darüber, was mit den vielen Nail–Studios gerade passiert. Ende der Woche bin ich mit dem Journalisten verabredet und es entscheidet sich, ob ich das Arbeitsamt brauche.

Ich laufe nach Zollikon … unter dem Baugerüst, gestern wurde hier gehämmert, heute nicht, kommt mir ein Mann entgegen, mit schütterem grauem Haar, die Hände in die Windjacke gesteckt … wir kreuzen uns in dem schmalen Durchgang und verlangsamen unsere Schritte etwas, um den Abstand zu wahren … dann kommt eine Frau, wir gehen im selben Tempo aneinander vorbei … Postboten, Postboten, Postboten, überall auf der Strasse, noch nie habe ich so viele von ihnen gesehen, wie in diesen Tagen … Das Uhrengeschäft ist zu, vor kurzem habe ich die Batterie meiner Uhr hier auswechseln lassen … oder machen sie Mittagspause … der DHL-Lieferwagen hält schon zum dritten Mal neben mir auf dem Gehsteig, langsam nervt er … ich wahrscheinlich auch … jeden Tag stehen sie Schlange vor dem Coop an der … wie heisst sie nochmal … Höschgasse … die Gesichter der Menschen drücken immer noch Fassungslosigkeit aus, dass sie warten müssen … heute mehr Verkehr … aber alltäglich ist das nicht … eine junge Frau, Brille, Helm, strampelt lachend auf dem Fahrrad, auf dem Hänger leere grüne Kisten, Bio Früchte aus Zürich … biegt in eine Seitenstrasse ab … das Tram rumort … warum hat der Mann vor der Bäckerei den Mundschutz auch über die Augen gezogen … eine Verkäuferin kommt heraus und stopft ihm Papiertüten in den Rucksack, er ist blind … drei Leute stehen am Bahnübergang und unterhalten sich und stehen weit auseinander, als läge ein Graben dazwischen … eine Frau geht vor mir und zieht einen schweren Einkaufswagen hinter sich her … oben ragt weiss das Klopapier heraus … ein Mann kommt uns entgegen, er telefoniert … die Frau bleibt stehen, lässt ihn durch, er blickt nicht einmal auf … eine junge Frau hält mit einer Hand ihr Fahrrad fest und schliesst mit der anderen umständlich die Tür auf, ein Pilatesstudio, auch geschlossen, die weissen Jalousien sind heruntergezogen … ich hole die Frau mit dem Einkaufswagen wieder ein, sie zieht ihn langsam die Treppe hoch … ihre Nachbarin steht unten, eine gepflegte Dame, mues viellicht hütt namittag emal use a die frisch Luft, höre ich im Vorbeigehen … ein alter Herr geht vor mir her, sehr zügig … A.S. (Tagebuch, Der bewegte Frühling)

 

24.03.20 Im Taiji verbeugt man sich voreinander zur Begrüssung und zum Abschied. Es ist eine Geste des Respekts dem anderen und dem Raum gegenüber. Vor einer Übung mit körperlichem Kontakt wiederholt man die Verbeugung und auch danach, um die Begegnung wieder aufzulösen. Meine Schüler probieren die Vebeugung anfangs neugierig aus, fasziniert, finden es exotisch. Mit der Zeit verbeugen sich einige nicht mehr so gerne, finden es albern   und versuchen sich der Begegnung zu entziehen. Mein Meister liess solche Versuche ins Leere laufen. Einen solchen Schüler liess er einfach stehen mit seiner Bewegung, ohne sie zu erwidern.

Derzeit sind wir gezwungen, einen Abstand zueinander einzuhalten. Gestern hat jemand den inneren Abstand mir gegenüber nicht eingehalten. Das hat mich in die Irre geführt. Nicht das Telefonat mit dem Arbeitsamt.

Draussen ist es lärmiger, als in den letzten Tagen … pendelt sich schon so etwas wie Alltag ein, nach der Erschütterung … der Verkehr rollt, die Feinkostläden im Seefeld sind geöffnet … die Bäckereien, der Käseladen, die Metzgerei, was will man mehr … hinter einer abgedeckten Fassade wird gehämmert … die violette 4 kommt mir entgegen, gleichzeitig brummt hinter mir ein Lastwagen … eine Frau in weissem Trainingsanzug mit hellen dichten Haaren telefoniert sehr laut auf der anderen Seite der Strasse – das jetzt eine näbed mir hueschted muess i au nöd ha, weisch, nei weisch wieni meine! Aber … eine Tram fährt dazwischen – das isch Isolation! Verstahsch! … Damit es in der Stadt so schön ist wie zu Hause ein kleines blaues Strassenreinigungsfahrzeug wendet auf den Tramgeleisen … der Schlagbaum senkt sich unter Warntönen … tüend nöd töple! dieser Ausdruck kommt mir wieder in den Sinn und U. auch … in Zollikon wird es wieder stiller, das war es hier schon immer.

A.S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

 

23.03.20 Nach dem zweiten Kaffee ist der Wille da, mich an ein öffentliches Amt zu wenden, weil Sonntag ist und nicht alle Tage Montag sein kann … was schreib ich denn da! Weil Montag ist und nicht alle Tage Sonntag sein kann! Das letzte Mal, das ich zum Arbeitsamt gehen musste, war 1997. Der schwere Gang dorthin wird mir erspart, man kann nur anrufen, bin ich froh! … Der Ton hat sich verändert oder war es damals auch so, am Anfang freundlich und mit der Zeit immer unhöflicher … ich möchte mich nur erkundigen, was jetzt zu tun ist … «Am beschte, Sie mäldet sich a.» Die Männerstimme leitet mich an eine Frauenstimme weiter … auch sie freundlich, sie gibt zu, dass sie sich auch erst in dieser neuen Situation zurechtfinden muss … sie hat Geduld … wo habe ich nur das Zettelchen mit meiner AHV-Nummer … bei der Postkarte … nein … beim Swisspass … ach was …ich ziehe sie alle aus der Brieftasche … lasse eine Karte nach der anderen auf’s Sofa fallen … Herrgott, nachher wieder zusammensammeln … suche meine AHV-Nummer … die Stimme ist weiterhin geduldig, aber wie lange noch … ach ja, das kleine blaue Etui … krame in meiner Tasche herum … wo ist es denn … heilloses Chaos … warum habe ich nur immer soviel Zeugs … das Krankenkassenkärtchen, das brauche ich jetzt, dort steht sie auch drauf … bin zwar chaotisch, aber in meinem Chaos herrscht eine gewisse Ordnung. Die Frau nimmt meine Personalien auf. «Also, was sind Sie? Schauspielerin – Momänt! Also, wieter, Schriftstellerin – wartet Sie bitte, das muesi sueche – und was händ Sie gseit, tschuldigung!» «Ich unterrichte Taiji und Uftrittskompetänz.» «Alles zäme?!» «Ja genau, alles zäme.» Eine Beratungsperson wird mich in den kommenden Tagen kontaktieren. Per Mail werden sie mir das Formular für meine persönlichen Arbeitsbemühungen zuschicken. Ich bedanke mich, lege auf und hätte jetzt doch lieber wieder meine Ruhe … statt beruhigt zu sein, bin ich plötzlich allarmiert.

Wir haben nach einem passenden Ort gesucht, damit ich ihr weiterhin Taiji-Lektionen geben kann, und stehen jetzt auf diesem Betonplatz, immerhin von Bäumen umgeben. Es war nicht herauszufinden, ob das noch erlaubt ist, aber solange wir den Abstand zueinander halten … Ich vermisse meinen Raum, aber es geht nicht. Der Wind weht eisig um uns herum und fegt über den grauen Boden, die Sonne strahlt. Wir versuchen, mit unseren Bewegungen dagegen zu halten.

Mein Mittagessen: Fisch und Brokkoli.

Ich komme jeweils ermattet von den Einkäufen nach Hause. Dieses ständige auf der Hut sein überall, den Abstand wahren, die Hände nicht ans Gesicht führen, solange man unterwegs ist, die Handschuhe zum Zahlen an– und ausziehen, ich will es ja so, erschöpft manchmal auch. Und weil ich mir nicht ins Gesicht fassen darf, juckt es die ganze Zeit.

Im Treppenhaus steht jetzt Desinfektionsmittel.

Der Termin im Immunologie Zentrum. Ich gehe zu Fuss an der Sonne … gehe gegen diesen Hohlraum an, der sich seit heute morgen in mir ausbreitet … seit meiner Anmeldung auf dem Arbeitsamt … oder hat es damit gar nichts zu tun … wäre – sogar das Diktiergerät macht nicht mit heute, nimmt Wörter auf, die ich nicht sage … wäre statt Leere! An der Häring Strasse stehen zur Zeit keine Huren – wo sind sie … «Hallo, was suechsch?» ein junger Mann, nettes Lächeln, nimmt an, dass ich Hilfe brauche, weil ich auf mein Handy geschaut habe, «nüt!» «Ah ja, dänn isch ja guet!» Ich kann ihm ja nicht sagen, ich suche die Huren in der Häring Strasse … wir lächeln beide, gehen weiter, jeder für sich … seine Stimme klang frisch, Kontakt auf eine leichte Art ist also noch möglich … hat der Bundesrat auch ein Massnahmenpaket für die Prostituierten vorgesehen? Schaut er auch zu ihnen?

Im Immunologie Zentrum sind jetzt alle Mitarbeiter*innen maskiert. Blutentnahme, um zu testen, ob ich doch auch gegen Bäume allergisch bin. Geht es im grossen Ganzen weiterhin um das Kleine, Einzelne? Ich laufe wieder nach Hause.

Die Sirene heult                                                                                                                                         jetzt nicht allein                                                                                                                                         über das Unglück                                                                                                                                        und die Unfälle                                                                                                                                            der anderen

sie frischt ihn                                                                                                                                schmerzhaft wieder auf                                                                                                                               den Gedanken                                                                                                                                                an die Gefahr                                                                                                                                                die uns blüht

A.S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

 

22.03.20 Es könnte ein fast normaler Sonntag sein. Man geht sich halt aus dem Weg, vorher tat man es beiläufig, jetzt absichtlich. Das Wetter ist nicht gut, also bleiben womöglich auch deshalb einige zu Hause. Freunde, die gestern im Pyjama gepostet haben, sind heute wieder angezogen, als sei es wieder Montag. Die Stimmung ist weniger aufgekratzt, als in den letzten Tagen. Sonntags sind die Läden sowieso fast alle zu; nur Sprüngli an den verschiedenen Bahnhöfen macht eine Ausnahme, wie immer. Heute rühren wir nicht daran. A. S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

 

21.03.20 Die Angestellte ruft mich zu Schalter A. «Bleiben Sie bitte an der gelben Markierung stehen!» Sie selbst steht schon zwei Meter hinter ihrem Schalterplatz. Es liegen also mindestens fünf bis sieben Meter zwischen uns. Warum verletzen mich diese zusätzlichen drei Meter? Es ist doch auch zu meinem Schutz, man darf jetzt wirklich nichts persönlich nehmen. Sie weist mich an, nach vorne zu treten. Wie im Tanzunterricht. «Legen Sie ihre Einzahlungsscheine ab und treten Sie bitte wieder zurück!» Während sie diese bearbeitet, streife ich mir meine blauen Einmalhandschuhe über. Die Warnung meiner italienischen Freundin liegt mir noch im Ohr: Cerca di toccare il meno possibile le superfici fuori casa e se lo fai, usa i gomiti! Die Angestellte, meine Tanzpartnerin in dieser verwirrenden Choreographie, bittet mich wieder nach vorne. Mit geschützten Händen tippe ich den Betrag ins Zahlungsgerät ein, sie wartet, ich trete wieder zurück, wir sind eingespielt, sie legt meine Quittungen hin, tritt zurück: «Sehr gut machen Sie das!» ruft sie zum Abschied, «Sie aber auch!» rufe ich zurück.

Am Kreuzplatz stehe ich in der Schlange vor der Migros. Eine Frau mit grauen Locken steuert wie gewohnt auf den Eingang zu, bleibt verdutzt stehen, bis sie die neue Lage überschaut hat, dann reiht sie sich hinten ein. Nach wenigen Minuten beschwert sie sich. Es dauert ihr zu lange. Sie seufzt. Trippelt von einem Fuss auf den anderen, schickt mir einen verständnisheischenden Blick und lächelt. Ich schaue weg. Wir kommen so schnell voran, dass ich fürchte, T. könnte nicht rechtzeitig zurück sein, um mich wieder abzulösen.

Die Seepromenade ist abgesperrt. Fast wäre ich ins Gitter reingelaufen, es ist eisig grau, wie das Wetter.

Nachdem ich unlustig zwischen stillen Häusern umhergewalkt bin, statt am See entlang, komme ich zu Hause an und höre, wie T. auf dem Balkon mit D. telefoniert. Er redet jetzt über mich. Ja, es sei sehr schade, dass die Buchmesse ins Wasser gefallen sei. Ja, ich sei am Anfang sehr enttäuscht gewesen, aber jetzt sei etwas ganz anderes wichtig. Ich sitze auf dem Sofa und habe den Eindruck, mein Buch verschwindet gerade durch T.’s Worte. Nach dem Telefonat dauert es nicht lange und wir streiten. «Dein Buch wird seinen Weg machen, das habe ich dir schon hundert Mal gesagt, aber man wird doch auch noch über etwas anderes reden dürfen! Ich höre nur noch MEIN BUCH! MEIN BUCH! MEIN BUCH!» «Ja, dann lass uns doch zur Abwechslung mal über DEINE FILME reden!»

Eine halbe Stunde später bekomme ich ein Bild zugesandt, von unseren beiden Freunden aus Berlin. Sie und er stehen vor einer zerkratzten Schaufensterscheibe mit meinem Buch in der Hand und strahlen übers ganze Gesicht. Da ist er, der Frühling! Wenig später senden sie mir ein zweites Bild: Er sitzt am Lietzensee vor seinem Weizenbier (und liest in meinem Buch). Das ist Freundschaft, denke ich. Offenbar sind die Lokale in Berlin noch offen. Wie unterschiedlich es noch an verschiedenen Orten unseres Kontinents gehandhabt wird. Ich muss daran denken, wie es vielleicht gewesen sein muss, als die Menschen früher im Osten, Bilder von uns aus dem Westen sahen.

Ich schlage den Weg zum Wald ein, kehre aber nach wenigen Schritten wieder um, weil es mir zu ruhig ist. Lieber Richtung Stadt. S. schreibt mir aus Luzern. Ich bleibe neben zwei Polizisten stehen, die die Freizeitanlage über dem Bahnhof Stadelhofen bewachen, um ihre Nachricht zu lesen. Sie ist jetzt wieder zu Hause und in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter gefordert. Homeoffice machen sie, sie und ihr Mann. Dementsprechend haben sie die Wohnung umstrukturiert. Das höre ich von einigen Paaren in diesen Tagen. Sie schreibt weiter, sie lese mein Buch mit grossem Gefallen und es tue ihr leid, dass das ganze Marketing dafür jetzt nach hinten rücke. Am liebsten würde ich ihr zurückschreiben, dass doch alles prima sei und gar nicht so schlimm, gemessen an der ganzen Situation. Ich tue es später und denke sofort, nachdem ich die Nachricht abgeschickt habe, dass ich lieber gar nichts hätte schreiben sollen. Denn mein Versuch, etwas hochzuhalten, was im Moment schwer hochzuhalten ist, kann nur misslingen. Warum fällt es mir so schwer zuzugeben, dass ich gerade hin – und hergeworfen bin? Es ist nicht so, dass ich nur an mein Buch denke. Ich gebe mich zuversichtlich und bin verzagt, es auf eine Zeit danach zu vertrösten, von der wir alle nicht wissen, wann sie eintreten wird.                                                                                                      T. schiebt mir ein Glas Weisswein über den Tisch zu. Ich trinke daraus und schreibe S. innerlich eine andere Nachricht zurück: Liebe S., Du hast recht, es ist gerade nicht so einfach für mich. Manchmal ist mir zum Heulen zu Mute, dass mein Buch jetzt keine Öffentlichkeit bekommt. Dass es durch etwas viel Wichtigeres verdrängt wird. Dafür werde ich täglich von meinen Freunden überrascht, die sich trotz dieser schwierigen Zeit die Zeit nehmen, es zu lesen und mir von ihren Leseerfahrungen berichten. Und diesen Kummer herunterzuspielen geht eben auch nicht, obwohl ich mir nichts mehr wünsche, als, dass wir alle gesund bleiben! A.S.(Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

20.03.20 / 21.03.20

Ich träume, dass wir Sex miteinander haben. Es ist unser Schlafzimmer, unser Bett, unsere Bücherwand. Das Bett ist auch eine Bühne. Von allen Seiten zu sehen. Wir sind nicht mehr allein. Über einen Lautsprecher hören wir die Stimme der Frau. Sie spricht nicht nur zu uns. Sie ist für alle da.

Ich bin so nahe an dir, dass ich nur noch deine Beine sehe. Deine Jeans, halb heruntergezogen. Wo ist dein Gesicht, wo sind deine Arme, dein Bauch ? Ich strecke meine Hand nach dir aus, will dich anfassen, wie ich es immer tue. Aber die Stimme mischt sich ein – plötzlich beobachte ich meine Hand, halte sie zurück – ich soll echte Nähe suchen. Den ganzen Menschen. Das will ich ja auch, aber wie? Ich kann dich nicht mehr sehen … Die Stimme bestimmt. Was sie sagt, klingt verführerisch. Ich verstehe sie nur nicht. A.S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

19.03.20Heute früh verlasse ich unser Haus und bin trotz Sonnenschein gereizt … B. ist vorgestern auf ihrem Fahrrad an mir vorbeigeflitzt … hoffentlich schreibt C. mir jetzt nicht, ich kann mich jetzt nicht verzetteln … wie reagiere ich, falls C. sich doch meldet … warum muss dieser Mann vor mir mitten auf diesem schmalen Gehweg gehen, ahnt er nicht, dass hinter ihm auch noch jemand sein könnte oder hört er mich nicht … Züge stehen am Bahnhof Stadelhofen – wie schön er ist, war er schon immer an seiner besonderen Lage, in seiner geschwungenen Eleganz, dieser Dandy unter den Bahnhöfen – fahren sie … ist das die Verkäuferin aus dem Reformhaus … was hat sie für grosse, rote Kopfhörer, doch, das ist sie … sie sieht sonst immer so seriös, so resolut aus, hinter ihrem Tresen … ist Sprüngli schon geöffnet … ja, seit sieben, durch die Glastür sieht es leer aus, ich trete ein …  unübersehbar, sehr füllig und ganz in Schwarz, steht sie mitten im Raum und alles an ihr geht mir sofort auf die Nerven … die wallenden Kleider, die akkurate Bobfrisur, die unnachgiebige Miene … einfach alles … ich umschiffe die Säule, um sie nicht mehr zu sehen … die Theke, Brötchen und Salate, ich wähle Karottensalat und Humusbrötchen mit Gemüse … zahlen muss ich auf der anderen Seite der Säule, leider … oh nein, jetzt steht sie direkt neben dem Zahlungsgerät … sieht sie mich denn nicht … sie bleibt und rührt sich nicht von der Stelle … die Verkäuferin wartet … meine Gebärde, Arme hoch (was soll ich machen?) und hilfloser Blick (sie sehen ja!), bewegen sie dazu, die unbewegliche Frau zur Seite zu bitten … «mer muess nur rede mitenand», sagt diese und entfernt sich von mir … recht hat sie, ich zahle und gehe … der blauweisse Sprünglisack schwingt in meiner Hand, unter meinen Schritten …  er ist mir vertraut, im Gegensatz zu der verunsicherten Stimmung, von der die Stadt heute beherrscht wird … die fröhlichen Kopfhörer der Verkäuferin kommen mir wieder in den Sinn … die kleine Bäckerei, sie ist voll … jetzt erst realisiere ich es, bin schon vorbei … zurückgehen und reinrufen «He, Abstand halten!» … erwäge es lieber, statt zu wagen … der Halbschatten zwischen den alten und neuen Stadthäusern … die roten Backsteingebäude mit Jugendstilfassade bringen Abwechslung in die Einöde der neuen, grauen Klötze … alle in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft … der schrille, langgezogene Ton der Trams beim Bremsen, ihr unzeitgemässes Lärmen beim Fahren … sie sind fast leer … Pärchen haben sich in ihre Luxusautos zurückgezogen, gleiten mit gedämpftem Geräusch durchs Seefeld … drei Männer rauchen vor einer Gaststätte, der schwere Metalladen ist fast ganz heruntergezogen, sie stehen im Dreieck mit Abstand zueinander … wirken verbunden …  eine Frau in engen Jeans, mit langen, blondierten Locken, führt an einer langen Leine ihren kleinen Hund spazieren … eine ältere mit blauen Einmalhandschuhen nähert sich dem Coopgebäude … am Eingang steht Desinfektionsmittel, das ist neu … die Verkäufer instruieren die Käufer … sie alle signalisieren, dass nicht alles zum Stillstand gekommen ist … wir gehen weiter! … auch ich … gehe zu Fuss … nach Zollikon … in meinen Raum … diese Frau vor dem Bahnübergang … kenne ich sie … tippt in ihr Handy, an ihr Fahrrad gelehnt … muss ich grüssen … sie schaut auf … ich kenne sie nicht … sie setzt sich auf’s Rad und fährt davon … überquere die Bahnschiene … K. arbeitet jetzt auch nicht mehr, zuviel Körperkontakt mit den Schülern … rufe gleich die Immunologin an, ich weiss doch wohl am besten, ob ich Heuschnupfen habe oder nicht, ganz egal was die Tests besagen … es klingelt, wer … die Journalistin: «Sie haben ein ganz tolles Buch geschrieben!» «Danke.» «Wir bringen es als Tipp in unserer April-Ausgabe.» … heiter, ich bin heiter … ziehe die strenge, frische Luft durch die Nase, so belebend, wie scharfes Gewürz … recke mich unter der kühlen Sonne … schaue hinauf, weisse und rosane Blüten … mein Buch, es lebt! … «Tschuldigung –» zwei junge Männer, was kümmert sie Abstand, werfen mir ihre Frage zu: «was bedeutet Bünzli?» «Bünzli heisst Spiesser.» Sie lachen, ich mit … A.S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

 

 

 

 

 

 

18.03.20

Der Besuch bei der Immunologin heute. Sie sitzt mir mit Mundschutz gegenüber. Ich rücke auf meinem Stuhl etwas zurück. Sie redet und redet. Springen jetzt trotz Maske Tröpfchen auf mich über? Viel Neues erfahre ich nicht über meine Allergie, nur, dass meine Lungenkapazität formidabel sei. Immerhin. Ich finde mich zu dick. Sie meint, ich sei zu streng mit mir. Warum erzähle ich ihr das? Im Blut habe sie eine klare Sensibilisierung auf Gräser gefunden. Was für ein Luxus, mein Heuschnupfen in diesen Zeiten! Sie fragt unvermittelt: «Was macht Ihr Buch?»«Es ist erschienen.» «Aber die Buchhandlungen sind doch geschlossen!»«Nein, sie liefern!» Sie wechselt das Thema. Draussen an der Sonne kommt mir plötzlich in den Sinn, dass dies mein einziger Termin in dieser Woche war. Ich fürchte mich ein wenig davor, wieder nach Hause zu laufen. Es hat gut getan, mit jemand anderem und über etwas anderes zu reden. Allein, einen Betrieb zu sehen, Betriebsamkeit, hat mich beruhigt. A.S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

17.03.20

Wie geht Rückzug?

Mein alter Vater lebt seit vielen Jahren zurückgezogen in den Bergen. Bei ihm ist es sehr still. Jahrein, jahraus. Wenn er das Fenster öffnet und hinausgeht, um die Post zu holen, dann erfreut ihn jetzt der Gesang der Vögel. Und dank der Hilfe seiner Nachbarin wird er gut versorgt. Vor wenigen Wochen erst hat er seinen Führerschein abgegeben, freiwillig. Er schreibt: Hast Du noch weitere Bücher verkauft?» A.S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

16.03.20

Das heitere Frühlingslicht

verbindet sich nicht

mit der Stille

Der gebremste Frühling. Meine Therapiestunde für morgen wurde heute abgesagt. Dabei hatte ich gehofft – auf den Abstand zwischen ihrem und meinem Stuhl. Kaum ist mein Buchkind auf der Welt, muss es lernen, etwas Unsichtbarem, das sein Unwesen treibt, Platz zu machen. Es muss ich in Geduld üben und ich mich mit ihm. Noch steht es, neben anderen Buchkindern, in gut betreuten Buchhandlungen; vielleicht werden sie schliessen. Drei Mal hintereinander durfte ich aus ihm vorlesen, dann zog eine unerwartete Stille ins Land, die sich über alles legt. Mein Buch ist auch still und ich glaube, dass es seinen Weg zu seinen Leser*innen finden wird, auch wenn gerade verschiedene Veranstaltungen, die zu seiner Verbreitung geplant waren, aus gutem Grund verschoben werden. Wichtig ist, dass wir uns in acht nehmen. A.S. (Tagebuch, Der gebremste Frühling)

 

 

 

 

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