Das wird mein zweites Buch, darum gibt es jetzt jeden Abend nur noch einen kleinen Gruss aus der Küche. Ein Amuse-Bouche, wie der Franzose sagt. 

Letzter Gruss aus der Küche:

31. Juli 20 … Die Geräusche der Vespas auf der Strasse erinnern an den Süden, ebenso das helle Licht , tagträumend setze ich meinen Fuss auf den gelben Streifen, da schneidet mir ein weisses Auto im Zeitlupentempo den Weg ab, verwundert bleibe ich stehen, die Frau ist bei Rot über die Ampel gefahren, wir sehen uns an, sie schüttelt langsam den Kopf – über sich? Danach bin ich vorsichtiger, gehe an den See. Ich schwimme auf die Stadt zu, die blauweisse Tram kriecht wie eine grosse Raupe über die Quaibrücke, ich muss an die Geschichte denken, die T. gestern Abend beim Essen erzählte: über einen Mann, der sich ganz in seinem Leben eingerichtet und seinen festen Gang bewahrt hat, bis er einer Frau begegnet. Nach einiger Zeit und mehreren Zusammenkünften mit ihr stellt er fest, wie sich seine Gedanken mit den ihren verschränken. T. gab mir auch ein paar Kostproben von dem Text: «Er lebte ein wenig in Distanz zu seinem Körper und verfolgte sein eigenes Verhalten mit zweifelnden Seitenblicken.» Ich muss nach Hause, nachsehen, ob ich das Buch noch habe, für das ich viel zu jung war, als es mir geschenkt wurde. Auf dem Weg besorge ich mir noch die Taschenbuchausgabe, in neuer Übersetzung, falls das Alte nicht mehr da ist. Kaum bin ich aus dem Buchladen, blättere ich schon darin, da steht: « … nach und nach verstrickten sich seine Gedanken mit den ihren.» Ich stutze, hat T. aus verstricken verschränken gemacht? Hat er nicht verstanden, dass der Mann sich bereits verstrickt gefühlt hat? Zu Hausse finde ich mein altes Buch und lese: «… Als sich ihre Gedanken nach und nach verschränkten, …». Gefällt mir besser, der Mann ist ein Romantiker, immerhin stehen die Werke von Wordsworth in seinem Regal; verstricken verrät zu sehr die Problematik, die der Begegnung dieser beiden Menschen zugrunde liegt. Ich lese die ganze Geschichte nochmals nach. Der Mann kann sich auf den anderen Menschen nicht ganz einlassen, er hört, «… wie die sonderbare unpersönliche Stimme, die er als seine eigene erkannte, auf der unheilbaren Einsamkeit der Seele beharrte. Wir können uns nicht hingeben, sagte die Stimme: wir gehören uns.» Der Mann, der der Frau ein Rätsel bleibt und wahrscheinlich auch sich selbst. Das Leid, das Herzeleid, das er ihr zufügt, nimmt er nicht wahr. Vorerst. Es bleibt bei dem Versuch einer Annäherung. Danach sind beide wieder für sich. Vier Jahre lang. Er arrangiert sich damit, sie stirbt daran. Er erfährt es aus der Zeitung. Ihm dämmert, wie einsam sie gewesen sein muss und er es fortan auch sein wird. In den Monaten, die hinter mir liegen, war ich froh um die Berührungen im engsten Kreis und mir fehlten die spontanen körperlichen Gesten unter Freunden. Diese Geschichte hingegen handelt von einem Menschen, der einen anderen zutiefst berührt, sich aber nicht berühren lässt.
Der Rhythmus ist ein anderer als Ende März, als wir bremsen mussten. Der Verkehr rollt wieder, auch wenn wir etwas aus der Spur geraten sind.

Etwas Tee ist mir aufs Papier gekippt, die Tinte löst sich auf. … A.S. 

 

 

 

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